Die Kaffeemühle ( Ist alles was nicht Augen und Ohren hat ein toter Gegenstand? )
Schreibblockade ( Sind Dinge an denen wir hängen lebendig ? )
Die Puppe ( Ist „Verstehen“ eine Folge von Wahrnehmen und Begreifen ? )
Verrückt ( Bin ich verrückt, oder alle anderen? Oder sind alle verrückt, was die Verrücktheit dann wieder in der Summe normal macht? )
Wattestäbchen ( Der Skandal des Jahres 2009 )
Discokiller ( Wir sehen einen Menschen, und glauben alles über ihn zu wissen. Diese Art der Oberflächlichkeit nennen wir Menschenkenntnis )
Vergesslich ( Wenn irgendetwas verkehrt läuft wissen wir sofort, dass irgendwer Mist gebaut hat ).
Es wurde langsam dunkel. Jeden Augenblick musste Steffan nach Hause kommen. Die Kaffeemühle war schon ganz aufgewühlt, und versuchte durch den Vorhang aus dem Fenster zu blicken. Sie starrte ungeduldig in alle Richtungen, während sie mit jeder Minute innerlich mehr zitterte.
Da stand er endlich vor der Haustür. Er trat in den Flur und hängte wie jedes Mal zuerst seinen Mantel und den langen Schal an der Garderobe auf. Jetzt! Jetzt würde er zu ihr in die Küche kommen. Sie war gleichzeitig erleichtert, dass er endlich da war, und auch innerlich angespannt als er sie mit gossen Augen angrinste.
Steffan war so groß, und hatte die kräftigsten Arme, die sie jemals gesehen hatte.
Er hatte alles was ein Mann haben musste. Er war Kräftig und doch einfühlsam. Er war männlich und doch zart. Er roch immer so süß, und doch so herb. Er war perfekt. Hätte sie ein Gesicht, so würde sie ihn erwartungsvoll anblinzeln.
Steffan reckte sich hoch zum Hängeschrank über ihr. Dabei konnte sie durch sein Hemd die angespannten Muskeln sehen, und saugte zeitgleich seinen Geruch bis in ihr Innerstes auf.
Langsam schob er ihre runde Kuppel auf, indem er die beiden kleinen Knöpfe die links und rechts sitzen mit zwei Findern spreizte. Er schaute lange und unanständig in ihr Loch, bis er endlich begann es mit Kaffeebohnen zu befüllen. Er hörte gar nicht mehr auf damit.
Er befüllte sie bis zum oberen Rand, so dass einige Bohnen schon nicht mehr passen wollten, und freudig zu Boden tropften. Er presste unter leichtem Druck den Verschluss der Kuppel wieder zusammen.
Die Kaffeemühle fühlte, dass er sie viel zu voll gestopft hatte. Es war viel zu eng. Ihre Kuppel quietschte laut heraus bei der Bewegung. Dann umschloss er sie mit dem linken Arm, und griff mit der Rechten den großen Knauf, den sie ihm schon erwartungsvoll entgegen streckte. Er umschloss den Knauf mit vier Fingern, und sie wusste, was das bedeutet: Er würde beim Kurbeln mit dem Zeigefinger permanent über die verchromte Niete gleiten. Heute würde er von ihr wieder alles abverlangen.
Er begann mit sanften kreisenden Bewegungen.
Sie fühlte wie sich alles in ihr zu drehen begann, und dann traf die erste Bohne auf ihre festen Backen. Langsam presste sie sich bis zu ihrem Innersten hindurch. Die Kaffeemühle begann dabei schnurrende Geräusche von sich zu geben. Dann wurden Steffans Bewegungen schneller und kräftiger. Seine Atmung wurde dabei schwerer, und ihm standen die ersten Schweißperlen im Gesicht. Immer mehr Bohnen drückten sich gegen ihre Backen, und sie presste immer fester dagegen. Es rieselte mit jeder Drehung mehr durch ihren schmalen Schacht nach unten durch. Ihre Kuppel war kurz vor der letzten Bohne, und Steffan krallte sie mit aller Kraft gegen seine Brust, um nun mit harten Hieben die Kurbel hin und her zu reißen. Vor und zurück, vor und zurück. Die Kaffeemühle und Steffan stöhnten sich laut und hemmungslos an, bis endlich die letzte Bohne unter dem Akt aufgelöst unter ihr hindurch spritzte. Mit einem Mal löste sich alle Anspannung. Ihre Backen waren wie abgeschwollen, und Steffan lies erschöpft den großen Knauf los, der nun frei an der Kurbel im Kreis wirbelte.
Beide mussten erst einige Male tief durch atmen, bis Steffan im Stande war die Kaffeemühle aus seinem starken Arm zu entlassen, und zurück an ihren Platz zu stellen.
Nun kam der Augenblick, den sie am meisten liebte, aber auch am meisten hasste. Er griff nach ihrer unteren Lade, die bis zum Rand gefüllt war, und zog sie langsam heraus. Es kam alles auf einmal heraus. Hier und da lief ihm etwas von ihrem Pulver über die Finger, was er sofort mit seiner Zunge ableckte. Dann schaute er in ihren Schlitz, und strich sanft alle Reste heraus.
So ging es jeden Abend, bis zu jenem Abend, an dem Steffan etwas zu spät nach Hause kam.
Er ging zu seiner Kaffeemühle, und hob sie hoch in die Luft. Es war so schön für sie von ihrem starken Freund getragen zu werden. Er trug sie quer durch die Küche, und für sie hätte es ewig dauern können, doch schon bald stellte er sie auf dem kleinen Regal über der Tür ab. Das war ein sehr schöner Platz. Es war der höchste Platz im ganzen Raum, und sie konnte von hier alles sehen. Sie fragte sich was Steffan wohl vorhatte, als er einen kleinen Karton aus dem Flur brachte. Er brauchte lange um all das Verpackungsmaterial irgendwo in dem kleinen Raum unter zu bringen. Dann holte er Sie hervor. Sie war hoch und elegant. Ihr Metall war glänzend und fein strukturiert. Sie war die schönste Kaffeemühle, die sie in ihrem Leben jemals gesehen hatte.
Steffan steckte das Anschlusskabel in die Steckdose, öffnete den Deckel der Maschine, und kippte Kaffee bis zu der dafür vorgesehenen Markierung hinein. Er drückte auf den großen Knopf, und mit einem schellen Surren war der Kaffee fertig gemahlen.
Als Steffan die Küche verlassen hatte schaute die Kaffeemühle von ihrem Platz über der Tür zu der Neuen hinunter. Sie war wirklich schön. Sie konnte verstehen, dass Steffan gerne eine Neue an seiner Seite haben wollte, und war weder ihm noch ihr wirklich böse.
Ein wenig hoffte sie den Verlust ihres Freundes durch eine neue Freundin ausgleichen zu können, und so begann sie zaghaft ein Gespräch: „Einer meiner Onkel ist auch aus Edelstahl.“ „Redest Du etwa mit mir? Sicher hat dein Onkel auch irgendwo eine Kurbel zum wegwerfen, so wie du? Hör mal kleines, deine Zeit ist vorbei. Sieh einfach ein, dass Steffan und ich es jetzt zusammen machen, und quatsch mich nicht noch einmal von der Seite an. Ach sag mal, - stört es dich, dass Du uns dabei zuschauen musst?“
Damit war das Gespräch wohl beendet.
Zuschauen? Was gab es denn da zu sehen?
Ein Knopfdruck, und fertig. „Ich hab es mit ihm viel besser gemacht!“, brüllte sie der neuen entgegen. Die aber lachte nur.
Irgendwann, dass schwor sie sich würde sie es der neuen zeigen. Aber bis dahin sollte sie noch oft sehen, wie Steffan auf den Knopf drückt, - und fertig.
Eines Tages im Sommer wurde es schon früh dunkel. Es blitzte vor der Tür, und donnerte, dass die Scheiben wackelten. Dann begann das Licht zu flackern, und die Kaffeemühle schaute zu der Neuen hinab. „Sag mal, würde es dir etwas ausmachen, wenn Du uns dabei zusehen müsstest?“ Kurz darauf blitzte es noch einmal direkt vor dem Fenster, dann gingen alle Lichter aus.
Als Steffan nach Hause kam, und feststellte dass der Strom ausgefallen war kratzte er sich nachdenklich am Kopf. Kurz darauf schnippte er mit den Fingern, und holte seine alte Kaffeemühle aus dem Regal.
Die Neue schaute.
Zuerst fand sie das alles umständlich und albern, aber als sie sah das Steffan die Kaffeemühle im Arm trug wurde sie schon ein wenig neidisch. Der Rest den sie sah und hörte lies sie vor entsetzten erbleichen.
Als die beiden fertig waren begann Steffan an dem Schlitz der Mühle zu riechen, und man sah im förmlich an, wie die Erinnerungen zusammen mit dem Geruch des Kaffees durch seine Nase drangen. Er stelle seine alte Mühle wieder an ihren angestammten Platz, dann zog der die Neue aus der Steckdose, und entsorgte sie im Mülleimer.
„Na ja, wenn Du nicht damit umgehen kannst uns dabei zuzuschauen…“
Steffan war leicht zermürbt. Bis vor ein paar Wochen noch hatte er abends nach der Arbeit immer auf seinem mit Stroh gefüttertem Sessel gesessen und kleine Gedichte oder Kurzgeschichten geschrieben. Aber seit Kurzem hatten ihn seine Ideen scheinbar verlassen.
Hätte man ihn vor drei Wochen gefragt, wie man eine gute Geschichte schreibt hätte er gesagt: „Das ist ganz einfach. Denk dir ein paar eigenartige Menschen aus, und lasse sie aufeinander treffen. Du musst sie nur beobachten, und verfolgen was passiert. Die Geschichte kommt da ganz von selbst.“
So hatte er selbst es seit Jahren gehalten, und die schönsten Geschichten geschrieben, die man sich nur denken kann. Bis seine Tochter - „Nein!“, grummelte er mit tief gezogenen Augenbrauen. Nein, das konnte weder sein, noch konnte er ihr einen Vorwurf machen. Der neue Sessel kann eben so wenig für seine Schreibblockade wie seine Tochter. Außerdem war er durchaus bequem und viel modischer als der alte. Nur, genau seit dem Tag an dem der neue Sessel kam vergingen die Ideen. Als ob die Ideen im dem Sessel auf dem er immer beim schreiben gesessen hatte gesteckt hätten. Aber so etwas anzunehmen war ja lächerlich. Nachdenklich kratzte er sich leicht mit dem Federkiel am Unterkinn. Ein wenig steckte er in seinem Zwiespalt fest.
„Probier doch mal das Cluster-Verfahren!“, hatte ihm sein Sohn geraten.“Du schreibst ein Stichwort, und von diesem abgehend notierst Du alle Worte die dir dazu einfallen“. „Pah!“, spottete er, und schrieb mit großen Buchstaben „SCHREIBBLOCKADE“ auf das Papier. Dann tauchte er die Gänsefeder bis zum Anschlag ins Tintenfass um noch einen riesigen, schmierigen Kringel darum zu ziehen. „So, und dass soll helfen?“ Steffan hatte noch nicht wirklich die Inspiration ereilt, aber er begann schon gleich mit dem Wort „SESSEL“, welches er mit „NEUER“ und einem weiteren Kringel ergänzte. Ach wie gerne hätte er dieses Ding einfach im Ofen entsorgt. Aber es war ja ein Geschenk, und auch noch ausgerechnet von seiner Tochter. Grinsend erinnerte er sich an die neue Kaffeemühle, die er letztes Jahr im Mülleimer entsorgt hatte. Doch dann erinnerte er sich an den traurigen und vorwurfsvollen Blick seiner Tochter, die ihm die Kaffeemühle zum Geburtstag geschenkt hatte. Er schluckte. Seine Schreibfeder rutschte von dem „Traurigen Blick“-Kringel zurück auf den „Kaffeemühlen“-Kringel bis hin zur Schreibblockade.
Auch das Wort „Cluster-Verfahren“ konnte ihm nicht wirklich spontan helfen, aber der nächste Kringel entstand schon vor dem Text. „PC“ schrieb er in den kleinen Kreis, und schaute dabei grinsend zu dem Rechner, den er von seinen Kindern zu Weihnachten bekommen hatte. Das letzte Mal als er versucht hatte den Computer zu benutzen ( es war auch das erste Mal ) gab es einen Clusterfehler.
Er hatte sich nie getraut seinen Sohn zu fragen was er da machen müsse, weil seine Kinder ihn immer als altbacken und rückständig bezeichnen, und er sich diese Blöße nicht geben wollte.
Also staubte das gute Stück vor sich hin, und er erzählte seit nunmehr zwei Jahren permanent von seinen Fortschritten die er mit dem PC machte, damit seine Kinder denn auch zufrieden sind.
Etwas in Gedanken versunken blinzelte er auf sein Kringelblatt und musste lachen. Der Kringel ganz unten sah aus wie der neue Grill seines Nachbarn. Ein großer Kreis an drei Füßen gehalten. Letzten Sommer hatte sein Nachbar tatsächlich damit ein Wettgrillen gegen seinen handgemauerten Grill veranstalten wollen. „Ha!“, platzte es überlegen aus ihm heraus, und schon erkannte er in seinen Zeichnungen ein Gebilde, dass erschreckende Ähnlichkeit mit der Waschmaschine hat, die ihm seit ich weiß nicht wann seinen Alltag erleichtern sollte. Ein wenig verstohlen blickte er um sich, als ob er Angst hätte beobachtet zu werden. Dann griff er hinter seinen Sessel, und tätschelte das Waschbrett, dass er seit dem vor seinen Kindern hier versteckt hält. Er musste ihnen damals versprechen das gute Stück der Wiederverwendung zukommen zu lassen.
„Ach diese Kinder“, stöhnte er, „immer nur neu modisches Zeug im Kopf, und keinen Sinn für gute alte Wertarbeit. Genau wie...“
Und da war auch wieder dieses Gefühl, dass ihn seit einigen Tagen plagte. Es war, als wenn dieser Sessel einfach nicht zu ihm passte. Er war zwar bequem, und durchaus hübsch, aber er passte nicht zu ihm. Es war wie die Unterwäsche eines Fremden zu tragen. Zwei Teile die einfach nicht zusammen gehörten. Nur dieses Mal musste er sich mit dem Geschenk seiner Tochter anfreunden, den sonst hätte ihm seine Tochter die Freundschaft gekündigt.
Er musste das Problem lösen. Er musste sich selbst darüber klar werden, warum er und dieser Sessel nicht zusammengehören wollten. Er rieb sich nachdenklich die Stirn, und seufzte. Das Einzige was ihm in so verfahrenen Situationen manchmal noch half war ein starker Kaffee. Also reckte er sich, und ging in die Küche.
Da Stand es nun, das Sofa. Es wurde von allen vorwurfsvoll angestarrt. Das Bücherregal, der Ofen, der Tisch, der Teppich, und sogar die Bilder an der Wand betrachteten es wie einen Schwerverbrecher. Nicht nur, dass es Schuld an dem Verschwinden des alten Sofas hatte, das alle hier so sehr geliebt hatten, nein, es war auch noch Schuld an der Schreibblockade von Steffan.
So weit es irgend möglich war zog sich das Sofa zusammen, und versuchte sich kleiner zu machen, um den Blicken der Mitbewohner zu entgehen.
Doch einer schaute nicht vorwurfsvoll. Es war Kater Mikesch, der eher gelangweilt mit einer gewissen Selbstverständlichkeit auf das Sofa sprang, und sich die Krallen wetzte.
„Ausgerechnet die Stelle, wo der blöde Monteur die Sprungfeder nicht festgemacht hatte“, dachte es noch, als die Feder mit Schwung und einem blechernen Geräusch durch den Bezug hervor platzte. Mikesch sprang erschrocken auf Seite, und riss dabei noch das Tintenfass um, dass auf der Lehne stand. Durch das Loch im Bezug, die defekte Sprungfeder, und die schwarze Tinte auf der Lehne war es wenigen Augenblicken um Jahrzehnte gealtert.
Von allen gehasst, beschmutzt und entwürdigt war sich das Sofa sicher, dass es das Dasein nicht Wert war, und erwartete nur noch das Ende durch Steffans raue Hände. Es blickte noch einmal mitleidig zu dem PC den auch keiner haben wollte, und wünschte sich ein ähnlich schnelles Abtreten, wie das der Kaffeemühle, der Waschmaschine, oder des Grills vom Nachbarn.
Steffan derweil hatte es endlich geschafft in Worte zu fassen, was ihm an dem neuen Sofa fehlte, und er begann aufzuzählen, als er mit der Kaffeetasse in der Hand in den Raum trat: „Charme, Charakter, Erfahrung,... - Was zum?“, stotterte er, als er vor dem Sofa stehen blieb. Ein wenig von der Situation überrannt stand er einen Augenblick wie angewurzelt still, dann stellte er schnell den Kaffee auf Seite, und versuchte mit dem Kringelblatt die schwarze Tinte vom Bezug zu wischen.
Er merkte schnell, dass das vollkommen aussichtslos war, weil die Tinte schon längst bis ins Polster eingezogen und angetrocknet war. Als Nächstes versuchte er die Sprungfeder an ihre alte Position zurück zu schieben, aber sie sprang immer wieder aus dem Polster heraus.
Also faltete er sein Kringelblatt bis zu einem harten länglichen Klumpen zusammen, und klemmte es zwischen Sprungfeder und Stoffbezug. Das hatte gehalten.
„Na ja“, sagte er zufrieden lächelnd, und setze sich hin. „Jetzt hat es etwas.“
Die Schreibblockade war zwar nicht weggefegt, aber er hatte ein gutes Gefühl. Er war der Meinung seine alte Methode Geschichten zu schreiben wieder aufzugreifen, und Charaktere zu beobachten wäre immer noch der beste Weg. Nur, dass er leider keinen merkwürdigen Menschen kannte über den er schreiben könnte. Also musste er sich wirklich einen einfallen lassen. Einen der zwar über alle Maßen skurril ist, aber noch so greifbar, dass man ihn glaubhaft verkaufen kann.
Aber das Cluster-Verfahren, da war er sich sicher, bringt wirklich nichts. Er hatte nun einen ganzen Abend Kringel gemalt, aber nicht einen einzigen Ansatz für eine Geschichte gefunden, die irgendwen interessieren könnte. Er schloss die Augen und legte sich zurück. „Neumodischer Quatsch!“
Steffan machte
sich arge Sorgen um das Schaf Erna. Er ging noch einmal in den Stall
um nach ihr zu sehen. Sie hatte wieder nichts gefressen, und der
Futtertrog war immer noch bis zum Rand voll.
Ein Blick ins Maul
lies auch nichts Auffälliges vermuten, doch beim Abtasten des
Bauches fühlte Steffan etwas Hartes. „Na, altes Mädchen,
was hast du denn da gefressen?“ Steffan atmete erleichtert auf.
„Ach Erna,das ist nur eine kleine Verstopfung. Das bekommen wir
wieder hin.“
Steffan hatte reichlich Erfahrung mit so etwas.
Ein paar Stunden den Bauch massieren, und die Verstopfung sollte sich
in Wohlgefallen auflösen.
Nun war es aber schon spät am
Abend, und Steffan war von der vielen Feldarbeit des Tages reichlich
abgeschlagen, so entschied er sich Erna mit ins Haus zu nehmen, und
endlich seine wohlverdiente Nachtruhe anzutreten.
Am nächsten
Morgen wollte Steffans Tochter nach dem Rechten sehen. Ihr Vater
wurde mit den Jahren immer seltsamer wie sie meinte. Daher schaut sie
seit einiger Zeit öfter nach ihrem „alten Einsiedler“,
wie sie ihren Vater nannte.
Ein Blick in die Küche, ein Blick
ins Wohnzimmer: „Papa? Bist du da?“
„Na, dann
schläft er wohl noch.“ Sie öffnete die Tür zum
Schlafzimmer, und blickte hinein. Es war entsetzlich. Erna das Schaf
und Steffan lagen dort zufrieden schlafend ineinander verschlungen.
Die Situation völlig falsch interpretierend stolperte sie mit
weit aufgerissenen Augen rückwärts aus dem Haus.
„Ich
weiß doch was ich gesehen habe!“, beteuerte sie ihre
Aussage. Ihr Bruder schluckte, „Ich hätte nicht gedacht,
dass es schon so weit ist mit ihm. Aber wir sollten das nicht
überbewerten.“
„Nicht überbewerten?“,
kreischte sie zurück, „Er hat da mit einem Schaf im
Bett... Oh, Gott! Ich will mir das gar nicht ausmalen.“ Er
nickte. „Meinst du er sollte in ein Heim gehen, wo er Menschen
um sich hat, die eine spezielle Ausbildung für so etwas haben?“
„In die Klapsmühle? Das können wir ihm nicht antun.“
Beide schwiegen.
„Nun gut“, setzte er fort, „Das
mit dem Schaf geht nicht, und das Heim geht auch nicht. Ich glaube
aber, ich habe eine Idee. Nur -“, er holte tief Luft, „wir
müssen uns diesem Problem sehr, sehr aufgeschlossen
gegenüberstellen.“
Noch am selben Tag standen beide vor
dem alten Holzhaus ihres Vaters, und klopften zaghaft an die Tür.
„Warum kommt ihr nicht rein? Es ist doch offen.“ „Nun,
äh, wir wollten nicht stören, wenn du gerade...“ Mit
einem kräftigen Ellbogenstoß in die Rippen brachte sie
ihren Bruder zum Schweigen. Steffan hatte sich schon auf eine
gemütliche Runde mit Kaffee und Kuchen gefreut, doch seine
Kinder hatten es scheinbar eilig. „Weißt du, Papa, du
bist doch so einsam seit Mutter von uns gegangen ist, und da dachten
wir du bräuchtest vielleicht so etwas wie ein“, ihr viel
keine passende Umschreibung für das peinliche Thema ein, „äh,
- Hobby.“ Ihr Bruder nickte zustimmend, drückte seinem
Vater die große Einkaufstasche in die Hand, und zog seine
Schwester hinter sich zur Tür hinaus.
Steffan war reichlich
irritiert. Seine Kinder wurden von Mal zu Mal merkwürdiger.
„Nicht, dass ich eines Tages ein Heim für sie suchen muss,
wo sie permanent betreut werden.“, grübelte er
nachdenklich, als er den flachen Karton aus der Tüte
zog.
„Hallo, ich bin Pamela.“, begann Steffan in der
Anleitung zu lesen. „Zuerst musst du mich aufblasen, dann
können wir beide die schönsten Spiele spielen.“
Gesagt,
getan. Steffan hat Pamela aufgeblasen, und schüttelte
nachdenklich mit dem Kopf. „Aber ich spiele doch gar nicht mit
Puppen.“ Er seufzte. „Schon wieder so ein Geschenk, mit
dem ich nix anzufangen weiß.“ Nun wollte er seine Kinder
aber auch nicht enttäuschen, und entschloss sich Pamela auf die
Küchenbank zu setzen. So könnten seine Kinder jedes Mal
wenn sie zu Besuch kommen ihr Geschenk sehen, und er könnte
ihnen erzählen wie sehr er sich noch heute darüber freut.
Ein wenig störte ihn, dass in der Verpackung keine Kleidung für
Pam, wie er sie nannte, lag. Da könnte man ja sonst was denken,
wenn eine lebensechte, nackte Puppe in der Küche sitzt. Also
nahm er noch eine Wolldecke, und legte sie Pam um.
Eine knappe
Woche später kamen seine Kinder wieder, um „Nach dem
Rechten“ zu sehen.Lange Zeit saßen sie schweigend bei
Kaffee und Kuchen neben Pam auf der Küchenbank. Dann brach sein
Sohn als erster das Schweigen. „Sag mal Papa, was macht
eigentlich das Schaf Erna?“ Steffan war ein wenig verwundert
über die Frage, denn er konnte sich nicht erinnern seinen
Kindern von ihrer Krankheit erzählt zu haben. „Erna ist
seit einer Woche wieder bei den anderen Schafen. Ich denke es geht
ihr ganz gut.“
Steffan war noch mehr über die
Erleichterung seiner Kinder verwundert. Sie hatten sich doch sonst
nie um die Tiere gekümmert.
„Und wie kommst du so mit
Pamela zurecht?“, setzte sein Sohn fort, während er seinen
Arm um die Puppe legt. Steffan, der seinen Kindern nun schlecht sagen
konnte, dass ein alter gestandener Mann selbstverständlich nicht
mit Puppen spielt, antwortete: „Wir beide spielen täglich
zusammen die verschiedensten Spiele. Pam und ich haben dabei immer
einen Riesenspaß.“ Er wollte noch ansprechen, dass er für
Pam keine Kleidung hat, aber wollte das Wort „Nackt“
nicht in der Gegenwart seiner Kinder benutzen, weil es ihm peinlich
war. Also fügte er etwas zögerlich noch hinzu: „Aber
ich finde, sie fühlt sich ein wenig kalt an.“
Seine
Tochter spuckte spontan ihren Kaffee angewidert über den Tisch,
und sein Sohn zog seinen Arm, der gerade noch um Pams Schulter lag
langsam zurück.
Seine Tochter verließ hustend das
Haus, doch sein Sohn, der dem Problem weit aufgeschlossener gegenüber
steht drückte seinem Vater die Hand und sagte während er
seiner Schwester folgte: „Kein Problem Papa, da finden wir alle
gemeinsam auch noch eine Lösung.“
Steffan schaute
beiden nachdenklich hinterher. „So schlimm war es noch nie. Ich
glaube die beiden entwickeln sich nicht wie andere Kinder.“
Nun
hatte er seit Ewigkeiten nichts mehr von seinen Kindern gehört.
Da freute er sich um so mehr, als der Postbote ein Päckchen von
seinem Sohn ablieferte.
Eine Schafswolljacke für Pam. „Damit
sie sich nicht so kalt anfühlt.“
Werner blickte noch einmal verstohlen um sich als seine Frau zurück in die Küche ging um den Nachtisch zu holen. Dann zog er eine Plastiktüte aus der Tasche, und schob einen großen Teil der Pfannkuchen die es heute gab hinein.
„Nein, ich bin nicht verrückt!“, versuchte er sich selbst zuzureden. „Sie will mich doch nur vergiften mit diesem Fraß. Ich weiß es!“
Mit irrem Blick und weit aufgerissenen Augen schaufelte er immer mehr in die Tüte, und fing an das was er gerade dachte leise mit zu murmeln. „...und Sie hat einen Neuen. Ich weiß es doch. Ich bin ja nicht verrückt.“
„Schatz, was machst Du denn da? Und mit wem redest Du die ganze Zeit?“
Silke stand da mit einem Tablett in der Hand vor ihrem Mann, und schaute ratlos und ungläubig auf ihn hinab.„Warum packst Du die Pfannkuchen in die Tüte?“
Werner sprang mit einem Satz von seinem Stuhl auf, und hielt ihr triumphierend den Beutel mit seinem Essen entgehen. „Ha! Damit hast Du wohl nicht gerechnet? Ich weiß doch schon lange was hier vorgeht. Du treibst dich doch durch fremde Betten, und nun willst Du mich damit vergiften.“
Werner begann beim Reden nervös mit den Augenbrauen zu zucken, und spuckte und sabberte dabei ohne es selbst zu merken.
„Ich bin ja nicht verrückt! Nein! Ich bin bei vollem Verstand! Und Du willst mich umbringen. Und dieses Mal kann ich es beweisen. Damit hast Du wohl nicht gerechnet, was?“
Siegesbewusst stampfte er zu Tür hinaus, und redete dabei lauthals mit sich selbst wirres Zeug.
Silke war fassungslos. So hatte sie ihren Mann noch nie erlebt. Die Ärzte hatten ihr zwar vorhergesagt, dass es so kommen würde, aber sie hatte nicht so plötzlich damit gerechnet. Sie wusste, dass sich hier ihre Wege trennen würden, und begann zu weinen.
„Du weißt schon, dass das hier eine Ausnahme ist, und ich das nur mache, weil wir so viele Jahre befreundet sind?“ Lothar kannte Werner nun schon seit er den Job im Polizeilabor vor zwanzig Jahren angefangen hatte. Er war entsetzt darüber, wie extrem sich Werner in den vergangenen Wochen veränderte, und hoffte ihn mit dem Lebensmitteltest in die Realität zurück zu holen.
Doch das Ergebnis machte ihn nur noch verrückter. „Du! Du steckst doch auch mit ihr unter einer Decke!“ Werner hob drohend den Zeigefinger, und lief mit hochrotem Kopf aus dem Labor.
Lothar war sprachlos. Als ob er seinen besten Freund belügen würde? Er wusste wohl, dass Werner krank war, aber so extrem hat er selten eine Paranoia erlebt.
„Christos, ich weiß nun wer es ist. Es ist Lothar - dieser Bastard!“
Werner stand in der Dönerbude und erzählte Christos, der gerade das Fladenbrot ins Waffeleisen steckte mit teils verständlichen, teil wirren Worten von seiner neuen -Entdeckung-.
„Und das Schlimmste ist, dass mir keiner glaubt. Alle denken ich sei verrückt. Aber das bin ich nicht! Das kommt doch nur von dem Gift, dass sie mir jeden Tag ins Essen mischt. Aber das rühre ich schon lange nicht mehr an.“
„Ich glaube Dir.“, beschwichtigt Christos. Was sollte er auch machen? Ein Wahnsinniger in seiner Dönerbude. Das hat ihm gerade noch gefehlt. Wenn der hier randaliert kann er seinen Laden zu machen. Also bloß keine Wiederworte geben, und freundlich bleiben.
„Schau hier! Die Currywurst geht auf's Haus. Bei dem schönen Wetter kannst Du Dich gemütlich draußen damit hinsetzen.“
Werner murmelte noch irgendetwas unverständliches, gestikulierte dabei wild mit den Armen, und lief mit der Wurst in der Pappschale raus.
Christos schlug ein Kreuz und seufzte. Diesen Wahnsinnigen konnte er hier wirklich nicht gebrauchen.
Werner selbst merkte schon, dass mit ihm etwas nicht stimmte. Oder stimmte mit allen anderen etwas nicht? Die vielen Stimmen, die auf ihn einredeten konnte er ignorieren, aber alles um ihn herum begann zuerst seine Farben, und später seine Formen zu ändern. Alles um ihn herum verfremdete sich zu bizarren Wesen, und er begann zu laufen. Laufen so schnell es irgendwie geht, um dem allen hier zu entkommen.
Schließlich endete sein Weg vor der Straßenbahn. Für einen Augenblick war er wieder normal. Er sah Unmengen Menschen, die ihm zur Hilfe eilen wollten, und es wurde ihm bewusst, dass er der Verrückte ist, und nicht der Rest der Menschheit, und vor allem nicht seine Frau die er über alles liebt. Es war völlig verrückt anzunehmen, dass er vergiftet wird.
Silke kam wie jeden Sonntag, um die Blumen zu gießen, und das Unkraut auszurupfen.
Es war ein schönes Grab. Schlicht, aber schön. Sie nickte:„So macht es nicht so viel Arbeit, und kann auch mal ein paar Wochen ohne Pflege auskommen, wenn
wir zusammen nach Griechenland fliegen.“
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---- Phantommörderin gibt es nachweislich nicht ---- Das Rätsel um das "Phantom" ist gelöst. Die Serientäterin existiert nicht, wie die Staatsanwaltschaft jetzt bestätigte. Stattdessen handelt es sich bei der Frau, deren DNA mehr als 40 Verbrechen zugeordnet wurde, um eine Arbeiterin. Nicht das einzige Desaster für die Polizei in diesem Fall. Quelle: http://www.welt.de |
„Tja, Frau Schmickler, so hat dann doch noch alles ein gutes Ende gefunden.“
Der neue Präsident des LKA drückte der alten Dame den riesigen Aktenordner in die Hand und lächelte freundlich. „Ach, lassen Sie es gut sein junger Mann.“, erwiderte sie. „Was soll ich denn noch damit? Ich bin froh, dass nun alles vorbei ist. Der ganze Wirbel war eindeutig zu viel für mich. Da packt man ein Leben lang Wattestäbchen in kleine Plastikschalen, und urplötzlich ist man Deutschlands meistgesuchte Schwerverbrecherin. Und dann verliert man auch noch kurz vor der Rente die Anstellung, weil einem vorgeworfen wird die Hygienebestimmungen nicht eingehalten zu haben.“
Der Präsident lächelte abermals, als er die Akte öffnete und der alten Frau alle Verbrechen nochmals vorlas. „Nun, mehr als zehn Vergewaltigungen, und mindestens nochmals so viele Morde sind schon eine stramme Leistung!“
Er senkte den Blick, und schaute ihr direkt in die Augen. „Ich bin Ihnen ausgesprochen dankbar, dass Sie nicht an die Öffentlichkeit gegangen sind. Das Ganze hat uns hier weiß Gott genug den Ruf geschädigt.“
„Ich muss gestehen Herr Präsident, ihre Entschädigung hat alles doppelt wieder gut gemacht. Ich werde nun erstmal ein paar Jahre Urlaub im Ausland machen. Mein Flug geht schon in einer knappen Stunde.“
Sie klappte den Deckel des Aktenordners zu, und sagte: „Die Akte ist geschlossen!“
Er atmete einmal tief durch. Nun war es also beendet. Man musste nur noch abwarten, bis alles in den Medien in Vergessenheit geriet, und am besten vielleicht noch eines der vielen Verbrechen mit den neuen DNA-Tests aufklären. „Hatte ich eigentlich schon erwähnt, dass die neuen Tests in einer halben Stunde fertig sind?“
„Ja, hatten Sie.“ Diesmal lächelte die alte Dame freundlich, und klopfte auf ihre Handtasche. „Ich habe mir für diesen fragwürdigen Augenblick den Wecker gestellt. Leider werde ich aber so lange nicht mehr bleiben können.“
Mit einem kräftigen Kuss auf die Backe verabschiedete sie sich von dem Präsidenten, der dabei etwas überrumpelt und ebenso verlegen drein schaute.
Einerseits beneidete er sie. Eine Millionenentschädigung und Frührente, andererseits tat sie ihm Leid. Sie muss wohl Jahrzehnte am Fließband gestanden haben, und kannte wahrscheinlich nichts anderes in ihrem Leben als Wattestäbchen einpacken und Akkordarbeit. Trotzdem hatte sie eine Ausgeglichenheit, als ob sie das Leben seit jeher in vollen Zügen genossen hätte.
Er Schaute noch einmal auf die Uhr: Noch fünf Minuten, bis die Ergebnisse fertig sein müssten.
Er wollte nicht mehr warten. Er wollte sich auf den Weg zum Labor machen.
Doch kaum dass er aufgestanden war bemerkte er, dass die alte Dame ihre Handtasche direkt vor seinem Schreibtisch vergessen hatte. Das laute Tackern des Weckers, der dumpf aus der Handtasche klang machte ihn nervös. Er hatte mit einem Mal das Gefühl etwas übersehen zu haben, und der Wecker war der Auslöser.
Ein Déjà-vu überkam ihn, denn er hatte eine solche Situation schon öfters erlebt. Mit zitternden Fingern öffnete er die Handtasche, und blickte hinein, als zeitgleich sein Chemiker die Tür aufriss und in sein Zimmer platzte.
„Chef! Die neuen DNA-Analysen sind fertig!“
Er antwortete nicht.
„Chef! Es ist - also ich muss ihnen unbedingt sagen - also es ist so - ...“
Der Präsident zog eine Augenbraue hoch, und man sah ihm an, dass er schon wusste was sein Chemiker gleich sagen würde.
„Die neuen Ergebnisse sind genau dieselben wie die alten?“
Der Präsident sah sich auch ohne Antwort bestätigt. Er nickte mit dem Kopf und zeigte seinem Kollegen den Inhalt der offenen Handtasche.
Ein Wecker, ein paar Drähte, eine Batterie, und jede Menge Plastiksprengstoff.
Marina lachte. Sie musste sich eingestehen, dass es nicht wirklich clever gewesen war ihrem Freund gerade in dieser abgelegenen Disco mitzuteilen, dass es vorbei war. Hätte sie gewartet, bis er sie nach Hause bringt, dann … „Ach was“, seufzte sie, „es hätte auch nichts geändert“.
Nun saß sie hier im strömenden Regen mitten in der Nacht an einer Bushaltestelle. Ihre Jacke hielt sie sich zusammengerollt vor den Körper, doch die durchnässte Kleidung gab ihr bei dem peitschenden Wind keinen Schutz vor dem Sturm.
Der nächste Bus würde erst in sechs Stunden kommen und die Handykarte war abtelefoniert, so versuchte sie sich mit der Radiofunktion des Handys ein wenig Ablenkung zu verschaffen.
„Ausgerechnet Nachrichten!“, fluchte sie leise. Sie hatte zwar auf Musik gehofft, aber die Neuigkeiten über den 'Discokiller' ließen sie doch aufhorchen.
Seit Wochen schon werden scheinbar ziellos junge Erwachsene Opfer eines brutalen Mörders, der hauptsächlich nachts Menschen auflauert, die allein unterwegs sind. Erst vor wenigen Stunden hatte die Polizei erneut eine Leiche ganz in der Nähe gefunden. 'Ein junger Mann, der erschossen in seinem Fahrzeug lag', so hieß es.
Marina wurde in ihrer Situation nachdenklich zu mute.
Sie versank dabei so sehr in Gedanken, über das was der Abend noch bringen könnte, dass sie fast das vorbeifahrende Fahrzeug übersehen hätte. In letzter Sekunde sprang sie auf und lief winkend auf die Straße, als das Fahrzeug schon vorbei war.
„Zu spät“, dachte sie, als sie die Rücklichter im Dunkel der Nacht verschwinden sah, doch kurz darauf hörte sie den Motor des Wagens im Rückwärtsgang aufheulen.
Einzig auf den Heimweg fixiert lief sie ihm entgegen.
Marina schaute sich weder das Fahrzeug noch den Fahrer vorher an. Sie öffnete einfach nur die Beifahrertür und setzte sich hinein.
„Wen haben wir denn da?“ Der Mann hinter dem Steuer schaute sie verschmitzt an. Er starrte ihr auf die vom Wasser durchsichtige Bluse und auf die Beine, an denen sich die Feuchtigkeit staute, bis sie im Sitz versickerte. „Mann, du bist ganz schön nass, Kleine“, grinste er widerlich aus dem Mundwinkel heraus.
Marina hatte kein gutes Gefühl bei diesem Kerl, wollte sich aber auch nicht unhöflich zeigen, so setzte sie ein zierliches Lächeln auf. „Es tut mir leid, dass ich ihnen das ganze Auto nass mache. Ich werde mich revanchieren. Bestimmt!“
„Da wüsste ich schon was!“ Wieder tastete sein Blick über ihren zittrigen Körper und er versuchte sie mit seinen ungepflegten Händen am Gesicht zu tätscheln.
Marina wich ihm, so weit es die Räumlichkeiten zuließen, aus. Sie hatte gerade erst mit Werner Schluss gemacht und gleich mit einem alten hässlichen Mann etwas anzufangen fand sie, besonders in dieser Situation, völlig abartig.
„Ich will nicht!“, sagte sie ihm gerade heraus und bestimmend ins Gesicht.
Ein wenig war sie dabei über sich selbst verwundert. Sie hatte selten in ihrem Leben Worte benutzt, um etwas zu erreichen. Und nun hat der alte Mann seinen Wagen einfach so an den Straßenrand gefahren, weil es ihr Wunsch war. Allerdings nicht um von ihr abzulassen, wie sich bald zeigen sollte.
Sie hatte gerade die Tür geöffnet und wollte aussteigen, als er sie unsanft am Unterarm packte.
„Sag mal, Kleine. Hast Du nicht von dem 'Discokiller' gehört? Du willst doch nicht so ganz allein hier draußen durch den Regen laufen?“
„Bitte, lassen sie mich los!“, flehte Marina, während sie verzweifelt versuchte sich los zu reißen.
„Ich meine das ernst!“, drohte er ihr und packte noch fester zu. „Vor zwei Stunden hatte die Polizei die erste Männerleiche von diesem Kranken gefunden.“
Marina standen die Tränen im Gesicht: „Er hatte mir versprochen nie mehr fremd zu gehen, und er hatte mich jedes Mal belogen.“
Herr
Maier war erschüttert. Er hatte noch einmal hektisch alle
Taschen und die Ablage im Auto durchsucht, aber er war sich sicher:
Die Geldbörse war weg!
Er versuchte den Tag noch einmal in
Kopf Revue passieren zu lassen.
„Wie war das noch?“,
überlegte er. „Zuletzt hatte ich sie doch noch in der
Stadt in der Hand gehalten um ein paar Fritten zu bezahlen.“
Und,
da war er sich sicher, er hatte sie auch wieder eingesteckt. „Aber
– war da nicht dieser ungepflegte Kerl, der mich so ungeschickt
angerempelt hatte?
Bestimmt hat der mir die Geldbörse geklaut
Herr Kommissar“, erklärte er am nächsten Morgen bei
der Polizei.
„Aber beim besten Willen kann ich mich an sein
Gesicht nicht erinnern.
Ich vergesse doch so viel in letzter
Zeit.“
Kommissar Schlegel blickte nachdenklich. „Herr
Maier, ich möchte ihnen nicht zu nahe treten, aber könnte
es sein, dass sie wegen ihrer Vergesslichkeit eventuell die
Geheimnummer ihrer EC-Karte mit der Karte zusammen aufbewahrt
haben?“
Herrn Maier lief ein Schauer den Rücken
hinunter. Er war ohnehin nicht mehr gut beisammen, und wenn nun
jemand sein Geld geklaut hat würde er seine Haushaltshilfe nicht
mehr bezahlen können, auf die er angewiesen war.
„Kein
Problem, Herr Maier! Sagen Sie mir ihre Kontonummer und ich rufe bei
der Bank an um das Konto sperren zu lassen.“
„Meine
Kontonummer?“ Herr Maier glaubte nichts mehr zu wissen. Ihn
überkam nur eine unsagbare Angst, dass seine Kinder ihn in ein
Altenheim für Demenzkranke abschieben könnten.
Er begann
zu zittern und musste sich die Tränen verkneifen: „So
durcheinander bin ich doch wirklich nicht. Ich bin zwar alt und
klapprig, aber im Kopf bin ich immer noch hellwach.“
Der
anschließende Besuch bei der Bank war ernüchternd. Das
Konto war bis zum Dispo Limit leergeräumt. Auch die freundlichen
Worte der Bankangestellten konnten ihm in seiner Situation keinen
Trost spenden. „Aber Herr Maier, lassen sie den Kopf nicht
hängen! Mit jeder Abbuchung am Geldautomat wird auch ein Foto
des Bedieners gespeichert. Wer immer ihr Geld abgehoben hat wird auch
von der Polizei gefunden.“
Herr Maier verharrte jeden Tag am
Telefon in der Hoffnung auf positive Neuigkeiten von der Polizei. Er
hatte schon fast aufgegeben, als es wenige Tage später an der
Haustür klingelte.
Seine Kinder, Herr Schlegel von der
Polizei und sein Hausarzt begrüßten ihn nüchtern.
Er
konnte nicht verstehen, warum Herr Schlegel seine Kinder informiert
hatte, war aber so verblüfft, dass er nur mit offenem Mund in
die Runde starrte.
„Herr Maier, wir haben die Bilder von den
Abbuchungen erhalten.“
„Und haben sie den Dieb
geschnappt?“
Herr Schlegel hielt ihm die Fotos entgegen.
„Sie waren es selbst.“